Dr. Hell zum 80. Geburtstag (aus "für uns alle" vom 19. Dezember 1981)
Wenn Hell-Technik heute weltweit ihren Rang und Namen hat und über 2.300 Mitarbeiter in Kiel und darüber hinaus einige hundert Leute in aller Welt mit dem Verkauf der Hell-Produkte ihren Lebensunterhalt verdienen, dann muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass ohne die Ideen und das Wirken der Persönlichkeit Dr. Hells dieses alles nie hatte entstehen und zur Geltung kommen können.

Dr. Roland Fuchs, ein langjähriger Weggefährte Dr. Hells, bis Mai 1980 Geschäftsführer und seit November 1980 im Aufsichtsrat der Hell GmbH, erzählt uns im Folgenden einige Szenen und Begebenheiten aus seiner Zeit in unserm Haus, damit auch die Jüngeren unter uns nachvollziehen können, wie Dr. Hell als Erfinder und Wegbereiter des technischen Fortschritts gewirkt hat.

Technischer Fortschritt verändert auch das Berufsfeld
Ich kann mich noch erinnern, dass in meiner Kindheit abends ein Laternenanzünder durch die Straßen ging, um die städtischen Gaslaternen anzuzünden. Als die Straßenbeleuchtung später auf elektrisches Licht umgestellt wurde, ist dieser Mann wohl „arbeitslos" geworden. Von einem Sturm der Entrüstung habe ich deswegen nichts gehört. Jeder nimmt es als selbstverständlich hin, dass sich auf unseren Straßen das Licht bei Dunkelheit selbständig einschaltet. Eine ganz andere Erfahrung machte ich dagegen kürzlich in einem Gespräch mit einem Kieler Studenten. Als die Sprache auf Dr. Hell kam, sagte er mir: „Dr. Hell hat wohl schon viele arbeitslos gemacht". Er meinte damit vermutlich die Setzer in der Zeitung, die bei der Umstellung von Bleisatz auf Fotosatz (Digiset) ihren bisherigen Platz an der Bleisetzmaschine aufgeben mussten und nach Meinung des Fernsehens und einiger illustrierten Zeitschriften nun ohne Arbeit sind oder künftig sein werden. Dem ist aber nicht so! In der Druckindustrie gibt es eine Übereinkunft, die eine Entlassung des Arbeitnehmers wegen Einführung neuer Techniken verhindert. Der Setzer wird für eine andere, ähnliche Arbeit umgeschult und behält seinen Arbeitsplatz im Druckereibetrieb. Nach neuen statistischen Zahlen gibt es in der Druckindustrie zur Zeit 200 arbeitslos gemeldete Setzer bei 200.000 Beschäftigten insgesamt. Also 1 Promille sind in der Druckindustrie ohne Arbeit bei einer allgemeinen Arbeitslosigkeit von über 6 Prozent. Die Behauptung des Studenten ist also ein Vorurteil, leichtfertig dahingeredet. Gegen das anzugehen ist der 80. Geburtstag von Herrn Dr. Hell eine Herausforderung. Alle in der Firma Hell, die die neue Technik herstellen, sollten so leichtfertige Behauptungen nicht auf sich sitzen lassen.

Ein Blick in die 50er Jahre  Als wir uns Anfang der 50er Jahre anschickten, in der Druckindustrie tätig zu werden, bestanden diese Probleme noch nicht. Die Druckindustrie nannte sich noch grafisches Gewerbe, und auch die Firma Hell selbst war noch klein und überschaubar. Aus dieser Zeit stammen die folgenden Episoden.

Alles war von seiner Persönlichkeit eingenommen

Im Konstruktionsbüro diskutierte Dr. Hell mit einigen Konstrukteuren den Klischograph. Es war etwa 19.00 Uhr abends und noch voller Betrieb, als ein Mitarbeiter sich anschickte, wegzugehen. Dr. Hell fragte ganz erstaunt: „Wollen sie schon gehen?" Aber niemand nahm daran Anstoß. Es ist bezeichnend für den Charme, den Dr. Hell gegenüber Mitarbeitern und auch gegenüber Kunden entwickelte; man konnte ihm nichts übel nehmen. Arbeit macht Freude.
In der Anfangsphase der RCA-Verhandlungen kamen viele Manager der RCA aus USA nach Kiel, um einmal die Firma Hell zu sehen. Wir waren alle im Konferenzzimmer versammelt, nur Dr. Hell war nicht da. Es half auch kein Telefonieren, er war den ganzen Tag unauffindbar, obwohl ja ein Besprechungstermin vereinbart war. Die Amerikaner waren „sauer". Am nächsten Tag trafen sich alle mit Dr. Hell auf der Bavaria zu einem Segeltörn, wo er charmant erklärte, dass er sich am Vortage etwas verspätet hatte. Dabei lächelte er, und alles war von seiner Persönlichkeit eingenommen.


Der Klischograph machte die Zeitungen lebendiger

Die ersten Probedrucke von gravierten Klischees wurden 1952 auf einer Versammlung der dpa in Wiesbaden gezeigt. Der Standard-Klischograph war zunächst bei Tageszeitungen eingesetzt, um die Klischees für die Bilder anzufertigen. Vorher waren fast keine Bilder in der Zeitung, weil die Klischeeherstellung ohne Klischograph so umständlich war. Innerhalb weniger Jahre hatte sich das „Gesicht" der Tageszeitung durch den Klischograph und durch die vielen Bilder völlig verändert. Es war lebendiger geworden. Trotzdem gab es auch viele Kritiken, besonders in der Schweiz. Die Basler Klischeeanstalt Schwitter setzte sogar ein Inserat in die Zeitung, in dem auf die Überlegenheit der Schweizer Handarbeit gegenüber den neumodischen Graviermaschinen von Dr. Hell hingewiesen wurde. Dr. Hell hat später Herrn Schwitter auf dieses Inserat angesprochen, der davon jedoch nichts mehr wissen wollte.

Die Chemigraphen: Erst unsere Gegner, dann unsere Kunden

Zu dieser Zeit sprach Dr. Hell auch davon, dass man eines Tages feinere Raster und später sogar Farbklischees gravieren könnte. Die Chemigraphen waren dadurch sehr beunruhigt. Dr. Hell arbeitete offensichtlich an einer Entwicklung, die ihre Interessen stören würde. Sie besuchten ihn deshalb und boten an, die Erfindung aufzukaufen und einzumotten. Dr. Hell aber blieb fest und lehnte ab. Später sind diese Chemigraphen dann unsere Kunden geworden.
Im Januar 1957 veröffentlichte Dr. Hell einen Aufsatz im Druckspiegel über elektronische Farbkorrektur. Ein Weintrauben-Stilleben war mit dem Farbklischograph F 160 auf Magnesium graviert und von Herrn Jennewein nachgeätzt und abgedruckt worden. Zum ersten Mal hatte sich ein bekannter Chemigraph an diesem ketzerischen Werk beteiligt, das Bild hatte Geschichte gemacht.
Dr. Hell schreibt am Schluss dieses Aufsatzes: „In wenigen Jahren werden diese Geräte zum festen Bestandteil aller grafischen Betriebe gehören."

Der „Varionaut" trägt einen weißen Kittel

Die technischen Verbesserungen durch Hell-Elektronik haben in der Druckindustrie nicht nur zu Rationalisierung beigetragen und den wirtschaftlichen Nutzen für die Unternehmen erhöht, sie helfen auch dem Facharbeiter an der Maschine. Sie bieten mehr Sicherheit und mehr Gesundheit, sie humanisieren die Arbeit. Man vergleiche einmal eine Tiefdruckätzerei von früher mit Schwamm und Säure, Gummischürze und Gummistiefel und den heutigen, beinahe klinisch sauberen Graviersaal mit Helio-Klischographen. Oder die Hitze an der Setzmaschine mit flüssigem Blei gegenüber der elektronischen Fotosetzmaschine, deren Bedienungspersonal weiße Kittel trägt. Das schönste Beispiel ist eine solche Äußerlichkeit wie die Berufsbezeichnung für einen Bediener am Vario-Klischograph gewesen: Varionaut. Dieses Wort hat der Bedienungsmann selbst geprägt, weil er stolz war auf seine Arbeit und seine Maschine, er hat sich mit ihr identifiziert.

Gute Ideen setzen sich durch

Heute sind die Klischographen — außer dem Helio — durch die Scanner abgelöst, die bei uns Chromagraphen genannt werden und derzeit unser Hauptgeschäft darstellen. Sie sind 1963 entstanden und inzwischen in verschiedenen Modellen hergestellt worden. Auch diese Geräte beruhen wie der Klischograph auf der autotypischen Bildwiedergabe, die vor 100 Jahren von Meisenbach erfunden wurde. Sie wurden erstmals mit Transistoren bestückt, und unsere Röhren-Konkurrenz versuchte den Kunden klarzumachen, dass das nie funktionieren kann.
Ein Vorläufer des Chromagraphen war der Colorgraph: Eine englische Tiefdruckanstalt fragte auf der Drupa '54 Dr. Hell, ob er eine Maschine zum Maskieren von Farbbildern liefern könne. Sie wollten dann auch gleich ein Exemplar bestellen. Dr. Hell sagte spontan zu, und so war der Colorgraph geboren. Später hat Dr. Matuschke von Springer noch wesentliche Vorschläge für die Verbesserung des Colorgraphen gemacht. Was wir nicht wussten: die Engländer waren auch zu unserer Konkurrenz Crosfield mit der gleichen Frage gegangen. Auch John Crosfield hatte zugesagt und eine ähnliche Maschine entwickelt. Dr. Hell war über lange Zeit sowohl mit Dr. Matuschke als auch mit Mister Crosfield befreundet und ist es auch heute noch.

Damals eine Vision — heute Selbstverständlichkeit: die elektronische Setzmaschine

Während der Drupa 1958 fand eine öffentliche Podiumsdiskussion von Fachleuten über aktuelle Fragen der grafischen Industrie statt, an der auch Dr. Hell teilnahm. Zu dieser Zeit gab es außer den Bleisetzmaschinen nur eine mehr oder weniger mechanisch arbeitende Fotosetzmaschine von Intertype und die Linofilm. Es wurde deshalb vorwiegend über Bleisatz diskutiert, bis der Diskussionsleiter Dr. Hell fragte, was eigentlich die Elektronik zum Fotosatz sagt. Sofort malte er seine Vision an die Wand: „Die Fotosetzmaschine der Zukunft — die atombetriebene sozusagen — wird ganz anders aussehen. Die Elektronik bietet so viele Vorteile, dass sie sich heimlich einschleichen wird."

Sieben Jahre später, am 23. Juli 1965 hielt Dr. Hell auf der TPG-Ausstellung in Paris einen sensationellen Vortrag über die vollelektronische Setzmaschine Digiset und begründete damit den digitalen Lichtsatz, der heute bei allen Herstellern praktiziert wird.
Mit diesem Vortrag war natürlich noch keine betriebsfähige Maschine fertig. Trotzdem kam die dänische Telefonverwaltung zu Dr. Hell und wollte gleich für den Satz der Telefonbücher einen Digiset bestellen, den es nur in der Theorie gab. Innerhalb eines Jahres musste dann viel gezaubert werden, um die Dänen zufrieden zu stellen und ihnen eine Maschine zu liefern.


1971: Die Firma war am 1. April in eine GmbH umgewandelt und ein Aufsichtsrat sowie eine Geschäftsführung ernannt bzw. gewählt worden. Zu dieser ersten Geschäftsführung der Hell GmbH gehörte auch Dr. Hell. Unser Bild zeigt die drei Geschäftsführer auf der ersten Aufsichtsratssitzung am 26. Oktober 1971 (v.l.): Heinz Taudt, Dr.-Ing. Rudolf Hell und Dr. Roland Fuchs.

Fachleute in aller Welt bauten auf Dr. Hells Genialität


Der Ruf von Dr. Hell, mit Schwung Neues anzufangen, brachte auch die englische Firma Gestetner nach Kiel, die ein Matrizengerät brauchte. Ursprünglich hatte Gestetner Mr. Cooley, einen Amerikaner der Times Faksimile Corporation, nach einem MAT gefragt. Der aber winkte ab und schickte sie zu Hell, woraus eine fast 20-jährige Geschäftsverbindung entstanden ist. Ähnlich ging es mit den Faksimilegeräten für den Wetterdienst, die in Deutschland als neuer Dienst eingeführt werden sollten und durch die Freundschaft zwischen Dr. Hell und Dr. Wüsthoff vom Wetterdienst gefördert wurden. Als den Meteorologen in Offenbach von Dr. Hell erstmals die neuen Faksimilegeräte für die Wetterkartenübertragung vorgeführt wurden, fürchteten sie, dass sie als Meteorologen nun überflüssig werden. Das Zeichnen der Wetterkarte besorgte ja der neue Hellfax-Wetterkartenschreiber. Nur langsam gewöhnten sie sich an die neue Methode, und Jahre später sagte einmal ein Meteorologe, er könne sich gar nicht vorstellen, wie er einmal ohne Wetterfax ausgekommen ist.

Allseits Dank und Verehrung zum 80. Geburtstag

Es ließen sich noch viele weitere Beispiele aufführen, wie die technische Entwicklung von der Persönlichkeit Dr. Hell geprägt worden ist, auf den die Fachwelt an seinem 80. Geburtstag voller Dankbarkeit blickt und seine Person mit vielen Ehrungen gewürdigt hat.